Der Flugsimulator gehört verboten!
SAT1 weiß warum.

Von Sergio de Fusco

Erinnern Sie sich an Blue Max? Es war ein Luftkriegspiel aus den Urzeiten des Computers, als die Kisten wie Brotkasten aussahen. In diesem Spiel passierte nicht viel. Ein niedlicher Doppeldecker flog gemächlich quer über den Bildschirm und machte gelegentlich put-put-put. Heute erscheint Blue Max so spannend wie ein meditativer Bildschirmschoner. Aber damals herrschten noch andere Sitten. Der Computer war ein Teufelsgerät, und das Wort Simulation reimte sich auf Perversion. Die Zensoren schritten voran und die niedliche Software wurde indiziert. Blue Max war das erste Spiel, das in Deutschland verboten wurde. Man schrieb damals das Jahr 1984.

Heute ist die Lage natürlich ganz anders. Bei modernen Ballerspielen stapeln sich solche Kadaverberge, daß die Damen und Herren Jugendschützer vollkommen überfordert sind. Sie kommen gar nicht mehr dazu, sich mit der zersetzenden Wirkung von scheinbar harmlosen Flugsimulationen zu beschäftigen. Zum Glück gibt es aber jemanden, der sich auf dem Gebiet der beschränkten Denkfähigkeit bestens auskennt: Ulrich Meyer, der Anchorman von Sat1. Der Fernsehmoderator mit der telegenen Hartfaserfriseur verliert nie das Wesentliche aus dem Blick. Die Sendung Akte 99/19 hat es noch mal bewiesen. In dieser Sendung ging es um mutwillige Zerstörung.

Ein erster Beitrag untersuchte die sogenannten Kollateralschäden der NATO im Krieg gegen Jugoslawien. Schuld daran waren die Russen, wußte Herr Meyer. Denn sie hätten den Serben eine Geheimwaffe zur Verfügung gestellt, mit der man die GPS-Navigationsgeräte von Raketen und Drohnen stören und die sonst so präzisen Waffen vom Kurs abbringen kann. Und das könnte nicht nur in einem Krisengebiet, sondern überall auf der Welt passieren. Für eine Gruppe skrupelloser Terroristen wäre es also ein leichtes, die Chartermaschine voll sonnengebräunten Touristen gegen einen Berg zu leiten. Ein Klick mit der Maus, und schon spielt die Avionik verrückt. Die Deutsche Flugsicherung hatte es auf Anfrage zwar klar und deutlich gesagt: So geht es nicht. Aber die Enthüllungsjournalisten von Sat1 ließen sich partout nicht beirren.

Viel spannender als die Zusicherungen der drögen Fluglotsen schienen ihnen die Taten des Bruce Willis. Ein Ausschnitt aus dem Gemetzelstreifen „Die Hard 2“ bewies es: Halunken mit Computer und Funkgerät können doch Maschinen abstürzen lassen. Wenn es in Hollywood schon klappt, dann wird es wohl überall auch noch klappen.

Wie das geht, erklärte gleich der Computerexperte vom Dienst: Er startete Flight Simulator 98. Ein Luftfahrtexperte war er zwar nicht: mit full power überzog er die 737 wie ein blutjunger Anfänger. Aber er wußte zumindest, wie man ein Flugabenteuer startet, denn plötzlich waren die Stimmen virtueller Fluglotsen zu hören. Damit können Terroristen und schlecht gelaunte Computerspieler rasch lernen, wie man Piloten Anweisungen gibt und sie auf falsche Routen schickt, meinte der Experte finster.

Noch finsterer schaute Hans Meyer aus: Das ist doch gefährlich. Sollte man das nicht verbieten?

Jawohl, Herr Meyer, der Flugsimulator gehört verboten!

Man weiß wirklich nicht, was es für verrückte Menschen unter den Flightsimmers gibt und wozu sie fähig sind. Gut, daß Akte 99/19 uns vor einer drohenden Gefahr gewarnt hat.
Aber eigentlich müßte man noch weiter gehen. Was ist nämlich mit den Flugschulen? Dort lernt man erst richtig, wie die Funkgespräche zwischen Kontrollturm und Piloten vonstatten gehen. Das wird sogar am Ende noch geprüft. Ist das nicht gefährlich? Wäre es nicht besser, das ganze zu verbieten? Und was ist dann mit den Flugzentralen selbst? Kann man wirklich ausschließen, daß sich irgendein Irrer eines Towers bemächtigt und sämtliche Maschinen auf Kollisionskurs lotst? Nein, das kann man nicht. Es wäre also besser, wenn es gar keine Flugleitzentralen gäbe. Und noch besser wäre, wenn es gar kein Privatfernsehen gäbe. Denn dann kommen die Leute tatsächlich auf ganz dumme Gedanken.

Deswegen nun die ernstgemeinte Bitte: Herr Meyer, es wird ihnen sicherlich schwerfallen, aber, zum Wohle der Menschheit: Halten Sie die Klappe!


Geht das überhaupt?

Vor einigen Monaten hat ein Unbekannter in Düsseldorf versucht, zwei Flugzeuge auf Kollisionskurs zu bringen. Er schaltete sich in die Kontrollturmfrequenz ein und gab den Piloten den Befehl, den Kurs zu ändern.
Ähnliche Vorfälle sind bekannt, sie kommen allerdings sehr selten vor. Es bleibt trotzdem die Frage, ob diese „Zwischenfunker“ tatsächlich Piloten und Passagiere in Gefahr bringen können.

Axel Raab von der Deutschen Flugsicherung verneint es, und zwar aus vielen Gründen.
* Erstens müssen die Piloten stets die erhaltenen Anweisungen wiederholen, egal von wem sie auch kommen. Dadurch bemerkt der echte Fluglotse aber, daß der Flugzeugführer Befehle wiederholt, die er nicht gegeben hat und wird sofort eingreifen.
* Zweitens erteilen die Piratenfunker meist sinnlose Anweisungen, so daß die Piloten selbst Verdacht schöpfen und beim Tower nachfragen.
* Drittens verfügen die Störer über kein Radar und sind deswegen sind nicht in der Lage zu wissen, wo genau die Flugzeuge sich befinden und wie man sie auf Kollisionskurs bringen könnte.

Auch High-Tech-Terroristen wären nicht in der Lage, solche Katastrophen auszulösen wie im Film „Die Hard 2“. In einer Szene sabotieren skrupellose Kriminelle mit Computer den Gleitpfad eines Instrumentenlandesystems und lassen eine Passagiermaschine auf der Landebahn zerschellen. In Wirklichkeit ist es gar nicht möglich, per drag & drop ein ILS-System so zu manipulieren, bemerkt Axel Raab. Wenn die Filmpiloten sich wie echte Profis benommen hätten, hätten sie das Desaster außerdem vermieden. Denn kein Pilot sollte sich blind auf die Instrumente verlassen, sondern die Angaben von ILS und Höhenmesser mit den Daten auf den offiziellen Anflugkarten vergleichen. Spätestens beim Erreichen des ersten Einflugzeichens (Outer Marker – dazu sind die Dinger eigentlich da) hätte der Filmpilot merken müssen, daß etwas nicht stimmt.